• Ulrike Freimuth

time out - hang loose - Liebe ohne Leistung

Wann hast du dich das letzte Mal entspannt, also wirklich entspannt, über einen längeren Zeitraum? Wann hast du das letzte Mal wirklich Nichts getan, also nichts Produktives? Wann hast du das letzte Mal deine innere Erschöpfung wirklich zugelassen und dieser Raum gegeben?


Das sind Fragen, die kaum gestellt, geschweige denn umgesetzt werden, in einer Zeit und Gesellschaft, die davon lebt, dass wir ständig etwas leisten müssen.


Der August ist mein persönlicher Monat des Nichts-tun geworden. Erschöpfung hat mich immer mehr im Griff gehabt. Die letzten, insbesondere 2 Jahre, waren geprägt von ständigem Leistungsdruck, im Job und nebenher in der Ausbildung zur integrativen Traumaarbeit. Viele innere Prozesse, im Außen wieder begonnen, Workshops zu geben, Marketing in meiner Hand, etc. Es gab gefühlt immer etwas zu tun. Selbst die Urlaube waren bestimmt von innerem Getrieben-Sein, einem, jetzt muss ich hier möglichst viel entdecken/ sehen/ tun. Das hat mich schön am Laufen gehalten, das bekannte Hamsterrad…


So habe ich bewusst Anfang August entschieden, dass es so nicht weitergehen kann, dieses ewige „ich muss, ich muss, ich muss“. Also Notbremse gezogen, nachdem ich bereits 2 Wochen mehr und mehr meine Aktivitäten runtergefahren habe.


Deep Rest Retreat @ home


Eine Woche komplett offline gegangen, viel Stille, Kompensationstrategien ausgehebelt. Deep Rest sollte es werden… Was wirklich geschah…das die inneren Themen, die unter der Oberfläche schon zu spüren waren, nach oben, ins Bewusstsein und in mein Gefühlsleben drängten. Also viel gehalten, durchfühlt, Raum gegeben und doch auch einfach mehr und mehr zur Ruhe gekommen. Experimentiert mit Microdosing (Pilze), was noch mehr geöffnet hat, Zeiten in starker innerer Unruhe, doch wieder getrieben sein, also auch viel draußen, im Wald, weil ich es innen schlecht ausgehalten habe. Dazu die Hitze. Wäre zu viel, dass jetzt alles hier aufzurollen, werde aber nach und nach die Themen in verschiedenen Blogbeiträgen teilen und mit Erklärungen aus der Traumatherapie bereichern.


Jetzt, eine Woche ist wieder vergangen, komme ich langsam wieder mehr in die Kraft, habe ich etwas Motivation, langsam aktiv zu werden, kreativ zu teilen, das Neue langsam entstehen zu lassen.


Ausruhen und die Hängematte

Der Prozess, in dem ich mich immer noch befinde, ist wie ein Abstreifen des Alten, ein Häuten, ein tiefes Heilen alter Überlebensstrategien. Es findet mehr und mehr Ruhe in mein System, in meinen Geist und in mein Herz. Es ist ein tiefes Ausruhen, nicht nur von dem Job, sondern gefühlt von meinem Leben, von der gefühlt täglichen Anstrengung, zu überleben, es irgendwie besser zu machen, meinen Platz im Leben zu finden und zugehörig zu sein. Und eine tiefe Sehnsucht nach mich nicht mehr anstrengen, keine Leistung mehr bringen zu müssen, nicht besser sein zu müssen, als ich nun mal jetzt bin, sondern einfach mal so sein können, wie ich bin und trotzdem angenommen und vielleicht sogar geliebt zu werden.



Die letzten Tage vor allem in meiner neuen Hängematte zu Hause verbracht - ein Tool, was ich jedem traumageschädigten Menschen ans Herz legen kann, da es das Nervensystem auf ganz einfache Weise beruhigt, den Parasympathikus aktiviert. Für mich eine echte Offenbarung, die ich so oft unter innerer Anspannung stehe.


Und genau hier finde ich grade mehr in das Lebensgefühl von „ich muss jetzt gar nichts (tun), ich kann in der Hängematte liegen, mich sanft schaukeln (lassen), ein Hörbuch hören, nichts Produktives oder Sinnvolles machen.

Es hat leise Anklänge von, so muss es wohl sein, wenn man eine halbwegs normale Kindheit hatte und als Kind eben einfach sein darf, nichts tun darf, nicht auf der Hut sein muss, es sicher, geborgen und beschützt ist, das Umfeld, in dem man aufwächst. Etwas, was ich nur temporär erfahren habe, bei Freundinnen in deren Familien, bei denen ich eben zu Besuch sein konnte und in der Schule.


Anyway. Wie kommt es, dass ich jetzt mehr und mehr loslassen kann?


In der Woche Deep Rest habe ich mich u.a. mit dem Thema Mutterliebe beschäftigt. Auch dazu wird es einen ausführlichen Artikel oder / und Videobeitrag geben. Darüber bin ich zum Thema Liebe gekommen. Und: Ein Onlinekurs zum Thema Deep Rest / Deep Healing schwirrt auch schon als Konzeption in meinem Kopf und in Stichworten in meinem Ideenheft herum… Ein durchaus produktives Ergebnis der Woche @ home… ;-)


NARM - Traumatherapie bei Entwicklungtrauma - Grundbedürfnis Liebe

Betrachten wir also unsere generellen Grundbedürfnisse aus der Perspektive des NARM Ansatzes (ein bindungsorientierter Therapieansatz, v.a. bei Entwicklungstrauma sehr heilsam), finden sich 5 Grundbedürfnisse eines Kindes, die sich dann in 5 Überlebensstrategien zeigen, die wir als Erwachsene leben. Eines dieser Bedürfnisse ist das nach Liebe. Und das ist vermutlich das Bedürfnis, was am wenigsten erfüllt wird in der Kindheit und sich umso häufiger im erwachsenen Leben zeigt.

Wir sind kaum in der Lage, heilsame, beständige Beziehungen zu führen, eine gute Work-Life-Balance zu halten und auf lange Sicht vital und gesund zu sein. Wir tragen ein Bedürfnis in uns, so geliebt und angenommen zu werden, wie wir sind. Und danach, selbst unsere Liebe zu zeigen, selbst zu lieben, auch unsere Erotik, Lust und eben Zuneigung.


Wurden wir bereits als kleine Kinder (besonders zwischen 4 und 6) und später als Teenager in genau diesem Ausdruck unserer Zuneigung beschämt, bestraft oder ignoriert und wurde uns auch keine Liebe entgegengebracht, die eben nicht an Bedingungen oder Leistungen geknüpft war, werden wir diverse Folgeschäden davon tragen. Wir weichen auf Kompensationsstrategien aus, versuchen, zB möglichst attraktiv und perfekt zu sein, erbringen hohe Leistungen, trennen Sexualität von Liebe (i.S. einer intimen Herzensverbindung), haben u.U. Schwierigkeiten mit unserer geschlechtlichen Identität (also Frau/ Mann-sein), etc.

Wir wollen uns unbewusst immer noch die Liebe unserer Bezugspersonen (also meist Mutter und Vater) verdienen, egal, wie alt wir mittlerweile sind. Das hält uns am Laufen, treibt uns innerlich an, lässt uns über unsere Grenzen gehen.

Das Schwierigste ist wohl, dass wir genau spüren, dass wir im Grunde keine echte Liebe kennen und zu 100% glauben, dass wir nicht liebenswert sind. Wir schämen uns, unsere Liebe zum Ausdruck zu bringen und haben Angst davor, zurückgewiesen zu werden. Wir setzen unsere sexuelle Attraktivität als Mittel ein, um Bewunderung zu erhalten und „geliebt“ zu werden.


Natürlich ist es auch gut und liegt in unserer Natur, Leistungen erbringen zu wollen, etwas zu erschaffen, einen Beitrag zu leisten, der anderen Menschen gut tun könnte etc. Die Frage, die wir uns bei jeder Aktivität stellen können, ist die nach unserer tiefen inneren Motivation: Tue ich etwas, um zu (Liebe, Anerkennung, Geld etc zu bekommen ) oder weil ich es aus Freude tue, eine innere, leichte Motivation, geboren aus Neugierde, tiefem Interesse und Freude mich antreibt, ein Projekt voran zu bringen?


Innerer Konflikt: Bedürfniserfüllung vs. Verlust Bindung zur Bezugsperson

Mag die Ausführungen hier nicht zu lang werden lassen… wichtig zum Verständnis wäre noch, dass wir einen inneren Konflikt in uns tragen, der aus dem Spagat resultiert, dass wir einerseits darauf ausgelegt sind, die Verbindung zu unserer Bezugsperson zu erhalten - und das zu jedem Preis, da unser Überleben als Kind davon abhängt, von dieser Bindungsperson versorgt zu werden. Und andererseits diese Grundbedürfnisse ins uns tragen. Die Bindung zur Bezugsperson hat biologisch angelegt immer das größte Gewicht. Also werden wir unsere Bedürfnisse unterdrücken, wenn diese dazu führen könnten, die Verbindung zur Bezugsperson zu gefährden oder gar zu verlieren.

Und dieser innere Konflikt bleibt uns oft bis ins erwachsenen Alter erhalten, wirkt unbewusst, hält uns in toxischen Beziehungen und destruktiven Jobverhältnissen fest. Der Weg ist, diese unbewussten Konflikte ins Bewusstsein zu bringen und Schritt für Schritt zu heilen, unsere Identifikation mit den entsprechenden scham- oder schuldgeladenen Glaubenssätzen zu lösen, die kindliche Abhängigkeit zur Bezugsperson zu lösen und mehr und mehr im erwachsenen Anteil zu landen. Dieser Prozess ist kognitiv zwar leicht zu verstehen, muss aber über den Körper und unsere Gefühle durchlebt werden.


In der Woche meines Deep Rest Retreats und vor allem in den Tagen danach, bin ich also bewusst durch einige dieser Prozesse gegangen, was schmerzhaft, tränenreich, anstrengend, aber eben auch sehr heilsam und befreiend war. Das Ergebnis jetzt: Kann mich entspannt einen Großteil des Tages in die Hängematte legen, Hörbücher hören, Musik hören, einfach nur schaukeln, dösen, ausruhen. Ab und zu mal spazieren gehen. Und habe den Raum und die Zeit für eine tiefe Wandlung, Integration und schaffe so den Raum für das Neue, das noch nicht so ganz greifbar ist, sich schemenhaft abzeichnet, kurze Ideen, die wieder losgelassen werden und im Nirvana der Entspannung verschwinden…


Wünsche dir/ euch eine Zeit der tiefen Erholung, des Nichts-tun, des Abhängens, chillen usw. mit oder ohne Hängematte und vor allem und immer tiefe innere Heilung.

Herzengsruß von Ulrike

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