• Ulrike Freimuth

Leben mit Trauma, Part One: Sehnsucht nach Leben vs Existenzberechtigung

„Wenn ich jetzt eine schwere Krankheit bekommen würde, würde ich nicht eine einzige Sekunde um mein Leben kämpfen. Im Gegenteil, ich wäre froh, wenn dieser ganze Schwachsinn hier bald vorbei wäre.“. Mit diesem Satz begann ich heute Morgen meine Therapiesession, begleitet von Tränen. Die letzten Tage: Geprägt von Schwere, Traurigkeit, keine Motivation, warten darauf, dass der Tag vorbei geht. Immerhin noch ein paar Sachen regeln können. Alles empfand ich als sehr anstrengend.

Das Thema, was sich immer mehr zeigte in den letzten Tagen: Nicht leben zu wollen. Und vor allem: Nicht leben zu dürfen. Keine Existenzberechtigung zu haben. Nicht gewollt sein, auf dieser Erde. Von meiner Mutter nicht. Von meinem leiblichen Vater nicht. Und von meinem Stiefvater schon gar nicht.


Die Story dazu ist schnell und nüchtern erzählt. Frau wird schwanger mit 17, um ihre große Liebe zu halten. Dieser Mann ist auch viel zu jung für ein Kind, betrügt Frau während der Schwangerschaft fröhlich, macht sich kurz nach der Geburt ganz aus dem Staub. Nimmt sich dann komplett aus der Verantwortung, indem er stirbt. Da war ich 4. Aufgewachsen bin ich mit einem Mann, den ich für meinen Vater hielt. Der mich willkürlich und sehr oft verprügelt, angeschrien, mit kaum zu bewältigenden Aufgaben schikaniert und überfordert hat. Seine Wut auf mich war ungezügelt. Um seine Liebe habe ich wie verrückt gekämpft, ohne Aussicht auf Erfolg. Mit 12 erfahre ich von einer Klassenkameradin, dass dieser Mann mein Stiefvater ist. Spreche erst mit 16 meine Mutter darauf an. Sie flippt völlig aus. Über dieses Arschloch (meinen leiblichen Vater) will sie nicht reden usw. Und bis dahin hat sie mir jeden Tag gezeigt, wie sehr sie mich ablehnt, eben nicht haben wollte. Dafür gibt es eine Halbschwester, 6 Jahre jünger. Sie war das „richtige“, gewollte Kind und Enkelkind. In einer Familie, in der ich das „Kuckucksei“ war, wie meine katholische Stiefoma mir das noch deutlich sagte, als ich 21 war. Ach ja, mit 13 Ausreise aus Weimar in die Pfalz, den goldenen Westen. Das härteste Jahr meines Lebens, kein Schutzraum mehr, getrennt vom Freundeskreis, vom vertrauten Umfeld. Und meine Eltern unter völligem Existenzdruck, bei Null anfangen, mit 2 Kindern im Gepäck. Keine Sorge, habe allen vergeben, was ein langer, harter Weg war. Mit meiner Mutter pflege ich heute ein gutes Verhältnis. Ich weiß, dass sie mich mittlerweile von Herzen liebt. Wir sind beide gute Schritte in der Entwicklung gegangen. Mein Stiefvater hat den Kontakt zu mir abgebrochen vor ein paar Jahren. Er fehlt mir nicht.


Jetzt, ein halbes Leben später, finde ich mich selbst wieder an dem Punkt, dass ich einfach nicht die volle Erlaubnis habe, wirklich zu leben. Sich das vermischt zu einem „ich will ja auch gar nicht leben“. In der Therapie heute, durch eine einfache Übung, kam die fast überwältigende Sehnsucht und gleichzeitig der tiefe Schmerz nach oben: Natürlich will ich leben ! Und wie traurig bin ich darüber, dass es einen anderen Teil in mir gibt, der es sich nicht erlaubt, der auf die Erlaubnis der Mutter wartet. Der Anteil, der verbrannt ist von den Menschen, die mir ein sicheres Zuhause hätten geben sollen, die mich im Leben willkommen heißen sollten, die mich vielleicht sogar hätten lieben können. Die all das aus ihren Gründen, die sicherlich zu verstehen sind, aber nicht konnten.


Was mir bleibt, ist ein steiniger und schmerzhafter Weg der Heilung. Mit 21 begann ich meine Therapiekarriere. Nach vielen Drogen- und Alkoholexzessen und vielen Männern, kam ich immerhin mit 28 in mein erstes buddhistisches Retreat. Die Hinwendung zu Meditation und dem spirituellen Weg hat mir das Leben gerettet. Mit 29 kompletter Schnitt, ab da keine Drogen, kaum Alkohol, nur wenige Männer, dafür viel Meditation, Selbsterfahrungsseminare ohne Ende und immer wieder mal Therapiezeiten.


Der Weg der Heilung...

geht aus meiner Erfahrung durch den Schmerz. Jedesmal, wenn ich es schaffe, mich mit meinem Körper zu verbinden, auch mit dem Geist, wird in mir ein neues Stück geöffnet, erlebe ich meine tiefste Wahrheit aus dem Prozess heraus. Da gibt es kein „ich denke mir meine Gefühle oder den Weg, wie dieser sein sollte“. Da gibt es nur die Wahrheit aus dem gegenwärtigen Augenblick heraus, aus dem präsenten „mit dem sein, was sich jetzt gerade zeigt“.

All das schön reden und positiv affirmieren etc. ist wohl auch in gewissen Situationen hilfreich. Für mich, in meinem Erleben, ist das ein Weglaufen vor dem, was eigentlich gefühlt und gesehen werden möchte. Und soweit ich das in meinem Umfeld sehe, heilt es die Menschen nicht wirklich, werden physische Schmerzen und Krankheiten, Panikattacken, tiefe Ängste entwickelt. Der Link zum eigenen, innen liegenden Schmerz aber wird nicht hergestellt. Stattdessen noch stärker auf das Positive, „Lichtvolle“ etc, konzentriert. Das ist ok, jeder wählt da den eigenen Weg und noch wichtiger, das eigene Tempo. Meine tiefsten Heilungserlebnisse hatte ich, wann immer ich es schaffte, offen und präsent mit mir, meinem Körper, den Gefühlen und Gedanken zu sein. Im Vertrauen auf eine Instanz in mir, die all das beobachtet, begleitet und den Raum hält, in dem sich auch der tiefe Schmerz, Wut, Hass und tiefste Verletzlichkeit zeigen und sein dürfen. Daraus entsteht eine authentische Ganzheit. Licht und Schatten, beides hat seinen Platz. Und das ist auch der Weg in eine tiefe, spirituelle Entwicklung.


In mir gibt es den Teil, der stark ist und der darauf vertraut, dass alles einen Sinn macht und das ich heilen und voll im Leben stehen werde. Und das möchte ich all jenen zurufen, die auch durch Traumata aus der Kindheit geschädigt, tief verletzt sind. Es gibt einen Weg der Heilung, der vielleicht erst zu Ende ist, wenn wir sterben, aber der auch das Juwel zu Tage bringt, das in uns liegt, eben grade, weil wir durch solch kaum zu erklärenden Schmerz mussten oder noch müssen. Leben heilt. Und Leben sorgt für uns. Aho.


Kurzer Nachtrag: Es geht mir gut. Ich gehe durch intensive, aber heilsame Prozesse. Es ist genau richtig, wie es jetzt grade ist. Da ich an schlechtes Karma glaube, käme ein Suizid für mich nie in Frage...


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