• Ulrike Freimuth

Rollen und Erwartungen ablegen, Abschied vom Alten

Das wird ein sehr persönlicher Artikel, in dem ich offen teile, wo ich jetzt stehe, welche Entscheidungen ich getroffen habe und zum Teil die inneren Prozesse anreiße, die damit verbunden sind. Könnte für manchen Leser Triggergefahr beinhalten.

Ja, wo soll ich anfangen? In der letzten Woche habe ich einen Workshop gegeben, zu dem sich grade mal 6 Teilnehmer:innen angemeldet haben. Das Thema war Einsamkeit, eigentlich ein Thema, welches die meisten traumgeschädigten Menschen mit sich tragen. Trotzdem war die Resonanz sehr gering. Die Zeit, Energie und Arbeit, die aber in diesen Workshop geflossen sind, waren recht hoch. Letztlich waren meine Kosten gedeckt und ich habe noch ein bisserl was drüber verdient, was sich aber de facto nicht wirklich rechnet.


Keine Präsenzworkhsops mehr

Und bereits ein paar Tage vorher habe ich bereits immer öfter den Gedanken im Kopf: Was, wenn ich mit den Präsenzworkshops einfach aufhöre? Wie wäre das für mich? Und ich muss sagen, es fühlte sich befreiend an. Sehr sogar. All das Gezackter und Geziehe um Teilnehmer:innen würde wegfallen. All das auf Facebook präsent sein, Newsletter schreiben, Webseite betreuen, Texte schreiben - all die Zeit und Kraft, die also ins Marketing fließen, wären frei für andere Projekte und für freie Zeit. Und natürlich ist es auch einiges an Zeit, den Workshop vorzubereiten (inklusive einkaufen, nach Speyer fahren, Raum vorbereiten) und durchzuführen. Da fließt viel Hingabe und Energie hinein. All das Hoffen und Bangen, ob sich genügend Menschen anmelden und diese dann auch tatsächlich teilnehmen und nicht im letzten Moment absagen. Auch das würde mir nicht fehlen.


Also habe ich nach dem Workshop tatsächlich die Entscheidung getroffen, vorerst keine Präsenzworkshops mehr zu halten. Und das fühlt sich einfach richtig gut und eben befreiend an. Ich brauche eine Pause, nach knapp 10 Jahren mit immer wieder neuen Anläufen, Workshops, diversen Jahresgruppen, die ich gehalten habe. Ich bin müde geworden.


Damit einher gehen auch Gedanken, ob ich überhaupt noch den Weg der therapeutischen Begleitung weitergehen soll. Auch hier gibt es eine Stimme in mir, die auch diese heilige Kuh „schlachten“ würde. Denn auch hier ist es ähnlich wie bei den Workshops: Wenig Klient:innen, auch hier das irgendwie um diese kämpfen müssen. Der Weg trägt mich nicht, finanziert mich nicht und ich habe einfach ein tiefes Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit, da es eben keinen Partner gibt, der mich mitfinanziert und keine Eltern, von denen ich mal irgendwas erben würde. Ich bin für mich alleine verantwortlich und das ist gut so.


Mein Part bei der ganzen Geschichte… Von Burnout und Mutterliebe

Seit dem Sommer gehe ich durch tiefe innere Transformationsprozesse. Im August bin ich im Burnout gelandet, nachdem ich zum Juli meinen Job im Angestelltenverhältnis gekündigt habe. Mein Körper zwang mich mehr und mehr dazu. Den August habe ich fast nur in der Hängematte verbracht, nichts ging mehr. Seit September gehts schleppend aufwärts. Und seit 2 Wochen ist immerhin klar, dass ich eine Stoffwechselstörung habe, die dafür sorgt, dass einige Mineralien und Vitamine sehr schnell ausgeschieden werden, Symptome, wie im Burnout entstehen. So sah dann auch mein Blutbild aus. Also substituiere ich jetzt fleißig mit einigen Pülverchen und Tinkturen und bin optimistisch, dass es mir in ein paar Wochen wirklich besser gehen wird, vor allem das Energielevel sich hebt und damit auch die Stimmung.


Parallel zu diesem körperlichen Tiefpunkt kamen die inneren Prozesse. Für meine Kompensationsstrategien hatte ich keine Kraft mehr, also zeigten sich die ungelösten Verletzungen.

Und hier allen voran meine Mutterwunde. Wie sehr habe ich mich mein ganzes Leben danach gesehnt, dass sie mir die Mutterliebe schenken könnte, die mir doch irgendwie zustand. Und wie sehr habe ich mich letztlich angestrengt, habe geleistet und funktioniert, um diese Liebe zu bekommen. Aber es war einfach nie gut genug. Letztlich ist klar, dass sie es einfach nicht kann, nicht so, wie ich es mir wünschen würde. Mag darauf nicht im Detail eingehen, auch um sie zu schützen. Und dann loszulassen und wirklich tief zu fühlen: Diese Mutterliebe wird von ihr in diesem Leben so nicht gegeben werden. Das hat wirklich weh getan. Es war ein tiefes Begreifen und Loslassen auf emotionaler und körperlicher Ebene. Damit einhergehend immer wieder mal intensive Wut und ein schmerzhaftes Betrauern. Dieser Prozess ging in Schüben über mehrere Wochen.

Ich glaube, es ist sehr wichtig für die eigene Heilung, das Loszulassen und vor allem wirklich zu betrauern, was eben nicht geschenkt wurde von den Eltern, aus welchen Gründen auch immer. Das bringt eine Befreiung für beide Beteiligten. Ich erwarte von meiner Mutter nichts mehr, im positiven und fühle mich ihr gegenüber friedlich, ruhig, ja spüre auch die Liebe zu ihr und ihre zu mir, so, wie es für sie möglich ist. Mehr geht halt nicht.


Rollen und Erwartungen loslassen

Mit dem zunehmenden Verabschieden davon, die Mutterliebe noch zu erkämpfen, mir zu verdienen, ging allerdings auch ein großer Motivationsverlust einher. Ich glaube, ich habe unbewusst versucht in der Arbeit mit Klient:innen, zT auch in den Workshops, eigentlich meine Mutter zu retten. Nach dem Motto, wenn ich es schaffe, dass es meiner Mama besser geht, kann sie mich lieben. Und so stieg der Druck, es möglichst gut zu machen in der Begleitung der Menschen, die zu mir gefunden haben. Und generell auch in den anderen Bereichen von Arbeit. Es hing ja unbewusst die Liebe und letztlich meine Existenzberechtigung davon ab, es wirklich gut zu machen. Ich hoffe, du kannst mir noch folgen…


Wie auch immer: Das Ende vom Lied ist, dass ich keine Erwartungen mehr erfüllen mag, dass ich keine Rollen mehr annehmen mag, dass ich nicht mehr funktionieren und Leistung bringen mag. Es ist einfach genug. Je mehr ich mich davon lösen kann, um so weniger weiß ich, wer ich überhaupt bin, ohne die Rollen. Auch das ist mittlerweile ok und stehe neugierig hier, bereit herauszufinden, wer ich ohne all das bin.




Die Therapeutenrolle

Besonders als Therapeutin sollte man ja einem Bild entsprechen von großer innerer Stabilität, strahlend, gefestigt usw. Es wird so viel auf Therapeuten projiziert, was auch zum Heilungsprozess gehört. Aber ich mag es nicht mehr erfüllen, ich mag dieses perfekte Bild nicht mehr halten. Ich will Mensch sein, ganz menschlich, mit guten und schlechten Tagen, mit eigenen inneren Prozessen, mit allem, was zu mir gehört. Ich glaube, mir hat die Vorstellung mal gut gefallen, das Bild, welches ich selbst hatte davon, als Coach/ Therapeutin unterwegs zu sein. War wohl vor allem mein Ego, was sich darin gefallen hat.


Aber diese Rolle wirklich auszufüllen, ist etwas ganz anderes und erfordert viel Hingabe, Liebe, Zuwendung. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann ging es wohl letztlich vor allem um meine eigene Heilung in den letzten Jahren. Ich mag nicht die Verantwortung für den Heilungsprozess von anderen Menschen übernehmen. So schnell schlittere ich dahin, die Verantwortung zu übernehmen, statt sie den Klient:innen zu geben, da, wo sie hingehört. Natürlich gab es auch einige sehr berührende, erfüllende Momente in der Arbeit mit Klient:innen bzw in den Workshops, wenn Stille und Frieden da waren, wenn ein Mensch ganz nah mit sich in den Kontakt gefunden hat, wenn Heilung geschehen durfte. Wenn ich echte Wertschätzung in Form von schönem Feedback erfahren durfte. Dafür bin ich sehr dankbar.


Ich mag diesen Druck nicht mehr, dass die eine Sitzung, die gebucht wird, super laufen muss, damit die Klient:innen wieder kommen. Das ergibt für mich keinen Sinn mehr. Jeder kann sich nur selbst heilen und dabei Begleitung, einen Bergführer, an seine Seite holen. Die Schritte aber muss man selbst gehen, um am Gipfel anzukommen. Es wird einen niemand zum Gipfel tragen bzw. die Heilung kann nur stattfinden, wenn wirklich die volle Verantwortung für diesen Weg übernommen wird.


Ok, das war jetzt sehr lang, sry.. Ich weiß momentan nicht, wie es weitergeht. Probiere mich grade aus, entdecke mich ganz neu, spiele Improtheater, lerne Ukulele, hänge einfach mal nur ab, gehe spazieren, komme mehr im Leben an. Ich möchte diese Zeit für mich nutzen, mich komplett neu orientieren. Vielleicht biete ich im neuen Jahr Online-Kurse an, vielleicht begleite ich mal ein paar Menschen traumsensibel, aber alles ohne Druck, ohne Erwartungen zu erfüllen, sondern authentisch, so, wie ich es wahrnehme. Vielleicht mache ich fast nichts mehr in diesem Bereich. Und wenn, dann ohne so viel Zeit und Kraft in ein fishing for clients zu geben.

Also dann, letzter Workshop in Präsenz wäre am 03.12. Trance Tanz: Zur Ruhe kommen.

Alles Liebe, Ulrike

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